Donnerstag, 12. Januar 2012

Der Horror - die Schreibblockade

Ich habe eine nicht ganz einfache Zeit hinter mir. Und weil das dazu natürlich hervorragend passt, lief es mit dem Schreiben auch gleich nicht mehr so rund, wie ich das bisher gewohnt war.
Manchmal saß ich stundenlang vor der leeren Seite, wartete darauf, dass sich vom vielen Starren und Nachdenken allmählich Blutstropfen auf meiner Stirn bilden und kam keine Zeile weiter.

O mein Gott!, dachte ich. Jetzt hat sie dich endlich erwischt. Die grauenvolle Schreibblockade, die immer mal wieder durch die Diskussionen mit Kollegen geistert.

Schreibblockade? Das klingt fürchterlich. Das klingt nach wollen und nicht können. Oder nicht dürfen. Auf keinen Fall klingt es wie etwas, das man haben will.



Panik machte sich breit. Kann das wirklich sein? Kann es sein, dass ein paar persönliche Probleme oder Befindlichkeiten mein Seelenheil so sehr beeinflussen, dass ich meine Fähigkeit zu schreiben verloren habe? Wie lange wird es dauern, bis das wieder zurück kommt? Kommt es überhaupt je wieder zurück?

Ich habe angefangen, mich ein bisschen mit der Frage zu beschäftigen, was ist diese Schreibblockade überhaupt, von der wir alle reden? Gibt es sie? Wie sieht sie aus? Was kann man dagegen tun? Und wo ist sie schlicht eine Ausrede?

Ich fange mal mit dem Kollegen Kai Meyer an, weil er in diesem Zusammenhang so oft zitiert worden ist.
Kai Meyer glaubt nicht so recht an die klassische Schreibblockade. Wobei er ausdrücklich solche Blockaden ausschließt, die äußere Gründe haben, wie z.B. ein Trauerfall, eine schlimme Krankheit etc.

Kai Meyer wörtlich:
Was mir auf die Nerven geht, ist das Gejammer sogenannter „literarischer“ Autoren, bei denen es zum guten Ton gehört, mindestens einmal im Leben ausgiebig blockiert zu sein. Oft ist das die Angst vor dem zweiten Buch nach dem ersten Überraschungserfolg oder auch eine romantisierte Version von Faulheit.
(Quelle: http://www.kaimeyer.com/km/seiten/faq.html)

Ist eine Schreibblockade also eigentlich gar keine richtige Blockade, sondern schlicht Faulheit?

Fakt ist: Schreiben ist nicht immer so, wie sich der Aussenstehende das vielleicht vorstellt. Schreiben ist oft knallharte Arbeit. Da müssen mehrere hundert Seiten mit Text gefüllt werden, da müssen Geschichten gesponnen werden, oft bis in alle Einzelheiten, da muss recherchiert werden und an der Sprache gefeilt. Viele Kollegen sprechen schon von einer Schreibblockade, wenn sie bereits im Entwicklungsstadium einer Geschichte steckenbleiben. Das sog. Plotten kann Schweiß und Tränen kosten. Und tagelanges verzweifeltes Grübeln, wie die Story an diesem Punkt weitergehen soll. Aber ist das eine Schreibblockade? Oder ist das nicht viel mehr Teil unseres Jobs?

Ich plotte in der Regel sehr gründlich. Meine komplette Geschichte ist - lange bevor ich den ersten Satz schreibe - so ausgefeilt, dass ich jede Szene wie einen Film vor mir sehe. Dann macht das Schreiben  Spaß, ich fange an und schreibe munter drauf los.
Und plötzlich - plötzlich komme ich an einen Punkt, an dem es nicht weiter geht. Ich weiß genau, was passieren soll, ich weiß genau, wie die Szene aussehen soll und trotzdem fällt mir kein einziger Satz dazu ein.
Ha! - denke ich - Schreibblockade!
Aber ist es das wirklich?
Oder bin ich einfach nur an einen Punkt gekommen, an dem ich merke, dass ich meinen Plot noch einmal überdenken muss. An dem irgendetwas nicht so passt, wie ich das gerne gehabt hätte. An einen Punkt, über den ich vielleicht damals bei meinen Vorüberlegungen zu großzügig hinweggegangen bin. Das rächt sich jetzt. Und ich muss zurück auf Los, muss mir meinen Plot nochmal gründlich vornehmen, noch einmal ganz genau diese Szenen durchspielen, durchdenken, evtl. neu strukturieren. Das nervt. Hält auf. Hält ab vom eigentlichen Schreiben.
Und weil es so nervt, versuche ich, mich davor zu drücken. In dem ich verzweifelt den nächsten Satz suche in der Hoffnung, dass sich danach der Knoten löst. Aber meistens funktioniert das nicht. Oder eben nur sehr schlecht, so dass man an dieser Stelle später immer wieder im Text stolpert.
Eine wirkliche Schreibblockade ist das nicht. Sondern schlicht Bequemlichkeit.

Es ist ein bisschen so, als ob man beim Kochen plötzlich merkt, dass man eine weitere Zutat hätte putzen und vorbereiten müssen. Jetzt steht man da, möchte so gerne weiterkochen, aber dieser Schritt zurück wäre eigentlich nötig, um das Gericht perfekt abzurunden. Ich kann jetzt stundenlang in den Kochtopf starren und drüber nachdenken, ob ich die fehlende Zutat irgendwie geschickt umgehen kann. Oder aber ich kann in dieser Zeit die blöden Zwiebeln noch schnell besorgen und hacken. Und danach befreit weiter kochen ;-)

Was sagen andere versierte Kollegen zur Schreibblockade?


Andreas Eschbach:

Nehmen Sie dieses Wort bitte gar nicht erst in Ihren Wortschatz auf, es richtet nur Schaden an. Es gibt keine Schreibblockaden, genauso wenig, wie es Taxifahrblockaden oder Kinder-unterricht-Blockaden gibt: Man hat mal einen schlechten Tag, oder man hat einfach nicht die Idee, was man tun soll, das ist alles.
(Quelle: http://www.andreaseschbach.de/schreiben/fragen/arbeit/arbeit.html)

Hm. Eiskalt erwischt.
Es kommt vielleicht nicht von ungefähr, dass ich immer dann, wenn ich das Gefühl habe, einer Schreibblockade zu erliegen, am liebsten aufspringen und das ganze Haus putzen würde, mir neue Sportpläne erstelle oder stundenlang bei Facebook surfe.
Ist meine Blockade also schlicht Unlust?

Sehr interessant ist hierzu auch die Diskussion des "Phantastischen Quartetts" .
Ann-Kathrin Karschnick, Thomas Plischke und Tom Finn diskutieren über den Begriff "Schreibblockade".

Ich zitiere mal Tom, dem der "Begriff Schreibblockade viel zu inflationär gebraucht wird."

Eine Geschichte muss man erfinden. Das ist unser Job.
(Quelle: Tom Finn in Q4 - Folge 7: Schreibblockade)

Und dass dieser Job immer leicht sein wird, hat uns niemand versprochen.

Ich komme für mich zu dem Schluss:
Eine wirkliche Schreibblockade gibt es nicht. Mit Ausnahme vielleicht medizinisch begründeter Blockaden.
Alles andere sind ganz normale Durchhänger, wie man sie in jedem anderen Beruf vermutlich auch hätte.
Der Nachteil (und gleichzeitig auch der Vorteil) beim Schreiben ist einfach der: Da muss man alleine durch. Man kann noch so lange auf das leere Blatt starren, irgendwann muss man nach einer anderen Lösung suchen. Also kann man das auch besser gleich machen.
Ein Freund und Kollege riet mir für diesen Fall einmal: Schreib einfach nur den nächsten Satz. Und dann schreib wieder einfach nur den nächsten Satz.
Wenn der Plot stimmt, funktioniert dieser Tipp. Auch wenn man sich total albern dabei vorkommt.
Stimmt der Plot nicht, weiß man ja im Grunde eh, was zu tun ist.
Da hilft nur, den inneren Schweinehund unter den Schreibtisch kicken und sich den Plot wieder vornehmen.

Oder sich eine Handvoll Leute organisieren (meine bevorzugte Variante),die einem das immer und immer wieder sagen:

Eine wirkliche Schreibblockade gibt es nicht. Los. Schreib!

Und ihr so??

Dienstag, 10. Januar 2012

Wie ein Flügelschlag - Leserunde

Auf meiner Pinnwand hatte ich es ja bereits angekündigt.
Das Onlineportal Lovelybooks veranstaltet zusammen mit mir eine Leserunde zu meinem neuesten Roman "Wie ein Flügelschlag".

Anmelden kann man sich ab sofort noch bis zum 18. Januar, dann startet die Leserunde, die von mir online begleitet wird. Ihr könnt mit mir dort also über das Buch sprechen, über mein Schreiben und mir alle Fragen stellen, die ihr auf dem Herzen habt.

Ich freue mich sehr auf diese Leserunde und darauf, die ersten Leser meines Romans auf diese Weise begleiten zu können.
Übrigens werden vom Coppenrath Verlag für diese Leserunde 15 Freiexemplare verlost, um die ihr euch hier bewerben könnt: Leserunde zu "Wie ein Flügelschlag"

Dienstag, 3. Januar 2012

Es gibt nichts Teureres als ein langes Leben

Lange habe ich nicht mehr so oft zustimmend genickt, wie beim Lesen des heutigen Interviews, dass die Schriftstellerin Juli Zeh dem Tagesanzeiger (Schweiz) gegeben hat.
Sie kritisiert dort die Bevormundung der Menschen durch den Staat, spricht uns zunehmend die Fähigkeit ab, noch frei über unsere Gesundheit, unsere Zukunft, unsere Entwicklung zu entscheiden.

Beispiel Verpackung: Es ist ja gut, wenn draufsteht, was drin ist. Aber dass dann noch draufsteht, dass man das Papier nicht mitessen soll, ist schon ein starkes Stück.

Juli Zeh betont, dass sie nicht die Entscheidungen einzelner, zum Beispiel für oder gegen das Impfen, für oder gegen das Stillen angreife, sondern dass sie sich massiv wert gegen eine zunehmende Bevormundung von oben und der damit einhergehenden Entscheidungsunfreiheit über das eigene Leben.
Wichtig wäre, die Menschen von ihrer Unsicherheit und Zukunftsangst loszubekommen, dass sie begreifen, dass das Leben an sich seinen Sinn schon mitbringt. Dass die Freiheit darin besteht, daraus zu machen, was uns am besten erscheint. Nicht zu fragen, was von uns erwartet wird, sondern was wir von uns erwarten.
 Der Artikel ist lesenswert. Sehr.
Besonders, als Juli Zeh vom Sündenbocksystem spricht, also davon, dass es immer dann leicht ist, Diktaten von oben zuzustimmen, wenn man selbst gar nicht auf der Seite der Betroffenen ist (z.B. die Antirauchergesetze), musste ich mich schon auch an die eigene Nase fassen.

Sie leuchtet immer den Leuten ein, die das, was gerade angegriffen wird, nicht sind oder nicht machen. Sie fühlen sich auf der starken Seite, gegen Dicke, gegen Dünne, gegen Raucher.
Vielleicht sollten wir tatsächlich alle mal wieder darüber nachdenken, wohin wir eigentlich gehen wollen. Ich wünsche mir, dass wir wieder fähig werden, unsere Entscheidungen selbst zu treffen. Dazu gehört Bildung. Auch das sagt Juli Zeh in dem Interview ganz klar.
Nicht die Beipackzettel sind das Entscheidende, sondern

Man muss die Leute in die Lage versetzen, zu begreifen, was gut für sie ist. Nicht, indem man ihnen Vorschriften macht, sondern indem man sie intellektuell ausstattet.

Einfach mal lesen, darüber nachdenken und gerne auch hier diskutieren.

Zum Artikel geht es hier: Juli Zeh im Tagesanzeiger

In diesem Sinne wünsche ich allen meinen Lesern ein schönes Jahr 2012 und den Mut, auch mal wieder eigene Wege zu gehen.