Freitag, 16. Januar 2015

Was bleibt?

Wenn Kinder bei Lesungen mich fragen, was ich denn selbst am liebsten lese, antworte ich meistens: Biografien oder Briefe. Und erzähle ihnen dann, dass es glücklicherweise von sehr vielen interessanten Menschen aus der Vergangenheit spannende (und veröffentlichte!) Briefe gibt.
Ich liebe es, in diese Briefe hineinzutauchen. Näher kann man einem Menschen, den man selbst nie kennen lernen konnte, fast nicht kommen, als beim Studium seiner oft sehr persönlichen Korrespondenz. Dabei ist es fast egal, ob es Liebesbriefe sind, Briefe zwischen sehr guten Freunden, Briefe an die Mutter, den Vater. Besonders spannend sind natürlich Briefwechsel, zum Beispiel zwischen bekannten Autoren und ihren Verlegern, zwischen historischen Ehepaaren oder auch guten Kollegen.
Aus gut erhaltenen Briefwechseln erfährt man ja oft nicht nur die geheimsten Gedanken und Sehnsüchte des Schreibenden, man erfährt auch unglaublich viel über dessen Lebensumstände, über den Alltag, über die großen und kleinen Bedürfnisse der jeweiligen Personen. Da werden Mahlzeiten beschrieben, die letzten Ausflüge nacherzählt, es werden Rezepte ausgetauscht und Arbeitsproben verschickt. Man erfährt etwas über die damals gängige Mode, den neuesten Klatsch bei Hofe oder die politische Situation im Land. Ganz nebenbei wird vielleicht erwähnt, dass die Cousine dritten Grades doch an einen Heiratsschwindler geraten ist oder es in der Kellergasse gebrannt hat. Briefe sind spannender als jeder Roman es je sein könnte!
Meine Mutter hat zum Beispiel nach dem Tod ihrer Eltern auf dem Dachboden mehrere Ordner fein säuberlich abgehefteter Briefe gefunden, Briefe, die ihr Vater während seiner Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg an seine Lieben zu Hause geschickt hat. Nach dem Krieg hat mein Großvater über seine Erfahrungen aus dieser Zeit nie gesprochen. Erst durch diese Feldpost, die meine Mutter inzwischen als Buch unter dem Titel Feldpost - Meine Welt ist eine andere geworden herausgegeben hat, ist es ihr gelungen, einen ganz unbekannten Teil ihres Vaters kennen zu lernen und ihn in vielen Dingen besser zu verstehen. Was für ein wertvoller Schatz!


Ich selbst tausche gerne lange und intensive Mails mit meinen liebsten Freunden, mit meiner Familie, mit meinem Partner. Dazwischen verschicken wir Kurznachrichten via Whatsapp oder smsen. Auch wir tauschen uns schriftlich aus. Aber was wird davon bleiben? Nichts. Schon in naher Zukunft wird es keinen einzigen Briefroman mehr geben. Daniel Glatthauers "Gut gegen Nordwind" war ein witziger Versuch, einen Briefroman in Form eines Mailromans zu schreiben, ein gelungener Versuch. Aber echte Mails zwischen Autoren und Verlegern, zwischen Liebespaaren oder Freunden werden wir kaum in Buchform wiederfinden.
Niemand wird je mit einem tiefen Seufzen unseren Schriftverkehr aus einer Kiste vom Dachboden fischen, behutsam den Staub wegpusten, die Schnur lösen und in eine vergangene Welt eintauchen.
Wenn wir einmal nicht mehr sind, werden unsere Mails schon lange nicht mehr sein.
Die Welt wird ein Stück ärmer dadurch. Oder?
Ich sollte mal wieder einen Brief schreiben ...

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