Donnerstag, 5. Februar 2015

Schubladenfunde

Es gibt so eine Redewendung unter Autoren: "Schreiben für die Schublade."
Damit sind all jene Texte gemeint, die man zwar irgendwann einmal hoffnungsvoll und keineswegs für die Schublade geschrieben hat, die aber letztendlich in selbiger landen, entweder weil man sie selbst zu schlecht fand, um sie einem Verlag anzubieten oder weil zig Verlage sie abgelehnt haben oder weil man jahrelang überhaupt auf eine Antwort des Verlags wartet und diese nie kommt.

Das Problem mit diesen Schubladentexten ist aber, dass sie nach und nach in Vergessenheit geraten, es sei denn, man gehört zu den Menschen, die regelmäßig ihre Schränke, Schubladen und Ordner nach solchen vergessenen Schätzen durchforsten und aufräumen.
Ich gehöre nicht dazu, deshalb ist auch die Wahrscheinlichkeit relativ gering, dass eines meiner vergessenen Manuskripte noch je das Licht der Öffentlichkeit erblickt.
Anders in dem Roman Lila lila von Martin Suter. Hier wird ein junger Mann über Nacht zum Bestseller-Autor mit einem Manuskript, das er auf einem Flohmarkt in einer Schublade findet und (!!) das er nicht einmal selbst geschrieben hat. Was für ein infamer Plot! Da heimst einer die Lorbeeren ein für die Arbeit eines armen Autors, der irgendwo traurig sein Dasein fristet, nicht ahnend, dass sein bestes Werk irgendwo in einer Schublade vergammelte und nur zufällig ans Tageslicht geholt worden ist.

Daniel Brühl als David Kern, der über Nacht zum Bestseller-Autor wird

Ganz anders ging es jetzt der Autorin Harper Lee, inzwischen immerhin stolze 88 Jahre alt und - das ist das Entscheidende - sie IST bereits Bestseller-Autorin. Ein einziger Roman machte sie vor rund 60 Jahren über Nacht berühmt: Wer die Nachtigall stört (To kill a mockingbird) - fast jeder wird diesen Roman zumindest in der verfilmten Version mit Gregory Peck kennen.

Und jetzt?
60 Jahre nach diesem Debüt, dem nur noch einige Essays und Aufsätze, aber nie wieder ein Roman folgten, erscheint ein zweiter Roman von Harper Lee. Das Kuriose daran:

Diesen Roman mit dem Titel Go Set a Watchman hat Harper Lee bereits vor ihrem Weltbestseller geschrieben. Und dann? Dann landete er in der Schublade, weil ihr damaliger Verleger sie überredete, einen anderen, einen neuen Roman zu schreiben aus der Perspektive einer Protagonistin dieses Schubladenmanuskripts.

Nun wurde das Manuskript wieder entdeckt. Angeblich fand es die Anwältin von Harper Lee, die Autorin selbst will gar nicht gewusst haben, dass das alte Manuskript überhaupt noch existiert.

Am 14. Juli 2015 soll nun das neue (alte) Werk von Harper Lee in Amerika erscheinen. Und ich bin mir sicher, es wird allein aufgrund dieser Vorgeschichte wieder ein Bestseller.

Was können wir daraus lernen?
1. Es ist nie zu spät.
2. Auch für die Schublade zu schreiben kann zum gewünschten Erfolg führen, vorausgesetzt, man trägt das Möbel nicht zum Flohmarkt.
3. Man sollte öfter zu Hause aufräumen.

Ich fange dann gleich mal mit Nr. 3 an.

Kommentare:

Rosemarie Benke-Bursian hat gesagt…

Liebe Jutta,

Was für eine schöne Hommage für Schubladentexte!
Danke für diesen Text, der so inspirierend ist, dass er mir ebenfalls gleich Lust aufs Aufräumen macht; oder sollte ich sagen aufs Ausräumem meiner Schubladen?

Da liegen tatsächlich einige Uralt-Texte, deren Inhalt ich nur noch verschwommen erinnere. Sollte die jemand anders finden und sie verwerten , ich würde es womöglich nicht mal merken, wenn ich die Geschichte in Händen hielte ...
Oha, ich glaube, ich muss gleich mal eine Bestandsaufnahme machen :-)

Und dann freue ich mich mal auf deine "Schubladengeschichte" bzw. würde mir wünschen, dass du hier eine Fortsetzung hinsetzt, in der du über deine kleinen und großen "Funde" berichtest!

Einen schönen Aufräumtag wünscht
Rosemarie
www.rosemarie-benke-bursian.de

auftragsmoerderin hat gesagt…

Die Schubladen würde ich mir für Durststrecken aufheben! Stößt man auf zu viele gute alte Ideen, kommt man in Kreativitätsflowstress und stellt die aktuelle Geschichte infrage. Findet man gar keine guten alten Ideen, stellt man seine Kreativitätsflowfähigkeit infrage und damit es richtig Spaß macht, damit auch gleich die aktuelle Geschichte.
Frohes Schaffen ��

auftragsmoerderin hat gesagt…

Die Schublade würde ich mir für Durststrecken aufheben. Findet man zu viele gute alte Ideen, kommt man in Kreativitätsflowstress und stellt gleich die aktuelle Geschichte infrage. Findet man gar keine guten alten Ideen, stellt man seine Kreativitätsflowfähigkeit grundsätzlich infrage und damit auch gleich die aktuelle Geschichte ...
Dass man Schubladen schließen kann, hat seinen Zweck ��

Jutta Wilke hat gesagt…

Huch, eine Auftragsmörderin in meinem Blog. Herzlich Willkommen :-)
Das mit den Durststrecken ist absolut richtig. Dauerndes Wühlen in alten Schubladen hält tatsächlich vom aktuellen Morden - äh - Schreiben ab. Mein Putzwahn war zum Glück auch nur von kurzer Dauer, vorsichtshalber habe ich aber alle Schubladen abgeschlossen und sämtliche Sperrmülltermine aus unserem Kalender gestrichen. Sicher ist sicher.
Ob ich jetzt mal nach den Leichen im Keller gucken gehe? :-)

Liebe Grüße
Jutta

Jutta Wilke hat gesagt…

Liebe Rosemarie,

sollte ich tatsächlich etwas Verwertbares finden, werde ich hier berichten. Versprochen!

Liebe Grüße
Jutta