Mittwoch, 13. April 2011

15 Fragen an ...

Antje Babendererde











Aufmerksame Blogleser werden es gemerkt haben: Im März gab es kein Autorenportrait.
Die Leipziger Buchmesse und verschiedene Abgabetermine forderten ihren Tribut, so dass fürs Bloggen weniger Zeit blieb.

Dafür freue ich mich heute ganz besonders, euch dieses wunderschöne Interview mit einer meiner Lieblingsautorinnen einstellen zu können. Antje Babendererde, die Autorin vieler erfolgreicher Romane über die nordamerikanischen Indianer, hat sich meinen Fragen gestellt.


1.         Von welchem Beruf hat die achtjährige Antje einmal geträumt?

Soweit ich mich erinnern kann, wollte ich Archäologin werden und alte Kulturen ausgraben. Ich war auf jeden Fall schon Indianerfan und traurig darüber, dass die Chancen, von Indianern entführt zu werden (wie in meinem Lieblingsbuch „Blauvogel“), schlecht standen.

2.        Wann hast du den Spaß und die Lust am Schreiben entdeckt?

Mit zwölf oder dreizehn. Ich habe Gedichte geschrieben und kleine Geschichten. Später kamen Indianer-Fortsetzungsgeschichten dazu. Die Seiten habe ich eigenhändig mit Zwirn zusammengeheftet, beschrieben und illustriert.

3.        Wie wichtig waren Bücher in deiner Kindheit für dich?

Sehr wichtig. Lesen war meine Welt. Meine Eltern und Großeltern haben mich mit Büchern versorgt, am liebsten habe ich Romane aus fernen Ländern gelesen und am allerliebsten natürlich Geschichten über Indianer. Meine Eltern waren, was das Fernsehen anging, sehr streng, also holte ich mir meine Abenteuer aus Büchern.
           
4.        Hast du heute ein Vorbild in der Literatur?

Es gibt so viele hervorragende Schriftsteller, deren Bücher ich gerne lese, deshalb habe ich kein spezielles Vorbild. Von den Jugendbuchautoren mag ich zum Beispiel Isabel Abedi, Ally Kennen, David Klass, Marlene Röder, Kevin Brooks ...

5.        Du schreibst ausschließlich Bücher über das Leben der Nordamerikanischen Indianer in  der heutigen Zeit. Was reizt dich so an diesem Thema?

Wie aus meinen ersten Antworten ersichtlich ist, war ich schon sehr früh am  Leben der nordamerikanischen Indianer interessiert und daran hat sich nichts geändert. Als ich anfing, ernsthaft zu schreiben, waren es Romane, die auf Indianerland angesiedelt waren. Zu Beginn, als ich noch nicht nach Amerika reisen konnte, hatte das sicherlich viel mit Fernweh und Exotik zu tun. Aber es grämte mich, aus der Fantasie schreiben zu müssen, wie einst Karl May. Ich wollte wissen, wie es wirklich um die Helden meiner Kindheit bestellt  war, ich wollte Bücher schreiben, die Hand und Fuß hatten.

6.        Wie bist du zum ersten Mal mit dem Thema Indianer in Berührung  gekommen?

Wie schon gesagt, ich war als Kind großer Indianerfan. Während meine Freundinnen anfingen, sich nach Jungs umzuschauen, saß ich immer noch in meiner selbstgebauten Hütte im Wald, habe Pilze und Kräuter getrocknet, Tiere beobachtet, am Lagerfeuer geträumt.
Als ich zehn Jahre alt war, wurde Wounded Knee im Pine Ridge Indianerreservat zum zweiten Mal Schauplatz eines tragischen Geschehens. Mitglieder des American Indian Movement besetzten Wounded Knee, um die Absetzung des verhassten Stammespräsidenten zu protestieren. FBI und Militär belagerten die Indianer über zwei Monate lang. Im Fernsehen und in der Presse wurde davon berichtet. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, es hat mich brennend interessiert, obwohl ich erst zehn Jahre alt war. Damals wurde mir klar, dass die Indianer nicht nur in Romanen existieren, sondern dass sie noch da sind und um ihr Überleben kämpfen.

7.        Kennen deine Freunde in Nordamerika deine Bücher und was sagen sie dazu?


Keines meiner Bücher wurde bisher ins Englische übersetzt, also können die Indianer sie nicht lesen. Ich erzähle ihnen natürlich davon, versuche, auch die Geschichten zu schildern. Manche schauen auf meiner Webseite nach, wo es ein paar englische Informationen gibt. Aber mehr ist nicht drin.
Indianer sind erst einmal skeptisch, wenn Europäer oder Weiße über sie schreiben. Es ist vorgekommen, dass ich auf Ablehnung gestoßen bin, meistens jedoch finden sie es wichtig, dass jemand erzählt, wie es ihnen geht. In Deutschland herrscht ja immer noch das romantische Indianerbild vor und Touristen, die Indianer uneingeschränkt toll finden, können ganz schön anstrengend sein.

8.        Indianer sind ja eigentlich derzeit in der Kinder- und Jugendliteratur   überhaupt kein
Thema mehr.  Trotzdem hast du dich durchgesetzt und  es mit  deinen Büchern in die     Bestsellerlisten geschafft. Wie erklärst du dir das?


Als ich anfing, nach einem Verlag für meine Bücher zu suchen, habe ich diese Tatsache natürlich sehr bedauert, denn es hat das Ganze sehr erschwert. Indianer waren total out. Aber es war nun mal mein Thema, meine Intention, von ihrem Leben zu erzählen. Das Indianerthema ist mir dann wirklich auf die Füße gefallen. Der eine Verlag fand mein Thema zu speziell, der nächste fand den Roman gut, glaubte aber nicht daran, dass ich das Durchhaltevermögen habe, beim Thema zu bleiben. Auch Arena war anfangs zwar von meiner Art zu schreiben überzeugt, aber nicht vom Indianerthema. „Der Gesang der Orcas“ war ein Überraschungserfolg. Nach dem dritten Buch sollte ich mir Gedanken machen, ob ich weiter bei den Indianern bleibe. Dann kam „Libellensommer“ und der Themenwechsel war vom Tisch. Keiner kann sich so richtig erklären, wieso die Bücher so gerne gelesen werden. Ich denke, ich kann die Jugendlichen bei den Themen packen, die sie in der Pubertät umtreiben: Wer bin ich? Was will ich vom Leben? Die erste Liebe, Freundschaft. Dabei erfahren sie gleichzeitig noch etwas über eine andere Kultur, die versucht, sich innerhalb einer Weltmacht zu behaupten. Ich denke, auch das Leben in und mit der Natur, das ich beschreibe, hat einen großen Anteil daran. Ich bekomme sehr viel Post von meinen Lesern und spüre, dass sie sich in dieser hochtechnisierten Welt nach der Abgeschiedenheit der Natur sehnen.

9.        Fühlst du dich von deinen Lesern auf das Thema Indianer festgelegt und  würdest du gerne
einmal etwas ganz anderes machen?

Nein, ich fühle mich nicht festgelegt, weder von meinen Lesern noch vom Verlag. Wenn ich bei den Indianern bleibe, dann bin ich selbst dafür verantwortlich. Im Augenblick ist es einfach so, dass ich noch viel über sie zu erzählen habe. Natürlich habe ich auch schon mal die Nase voll von meinen Helden, aber am Ende lassen sie mich doch nicht los. Was ich auf meinen Reisen erlebe und sehe, ist oft so bedrückend, dass ich nicht aufhören kann, darüber nachzudenken. Jede Begegnung lässt mich Zusammenhänge erkennen, die neue Fragen aufwerfen. Die Geschichte der Indianer auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert ist noch nicht zu Ende erzählt, eine Lösung der Probleme ist nicht in Sicht, also muss ich weiterschreiben. Geschichten von Dunkelheit und Licht und allen Schattierungen dazwischen.


10.      Gibt es einen Ort, an dem du dich am liebsten aufhältst, dir die besten Ideen kommen und   du vielleicht sogar am besten schreiben kannst?

 
Am allerliebsten bin ich an der pazifischen Nordwestküste, dort, wo das Meer rauscht und der Wind in den hohen Bäumen, wo jeder Fels und jeder Treibholzstamm eine Geschichte erzählt. Aber schreiben, das mache ich zu Hause, in meinem Arbeitszimmer an meinem Schreibtisch. Ideen kann ich überall notieren, geschrieben wird zu Hause. Am besten, wenn es regnet und schneit und es draußen gar nicht hell wird, sodass ich in meinem Arbeitszimmer wie in einer Höhle sitze.

11.       Wie sieht eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag bei der Autorin Antje Babendererde aus?

Wenn ich an einem Roman sitze, dann schreibe ich von 7 Uhr morgens bis 20  Uhr abends, unterbrochen von einer Mittagspause. Aber das klappt natürlich nur selten. Ich habe Familie, ein großes altes Haus, Freunde.
Mein Arbeitsrhythmus richtet sich deshalb vor allem nach den Jahreszeiten. Von Januar bis März entsteht meistens ein neues Buch, denn da bin ich oft eingeschneit, halte keine Lesungen und kann gut arbeiten. Im April/Mai bin ich meist auf Lesereisen unterwegs, an schreiben ist dann kaum noch zu denken. Im Sommer bin ich jedes Jahr auf Recherche in den USA, und im Herbst kommen wieder die Lesereisen auf mich zu. Ich habe immer weniger Zeit zum Schreiben, deshalb habe ich mir vorgenommen, die Lesereisenzeit etwas einzuschränken. Aber natürlich möchte ich den Kontakt zu meinen Lesern auch nicht verlieren.

12.      Wie lange brauchst du von der Idee bis zum fertigen Buch?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, wie umfangreich ich recherchieren muss für eine Geschichte. Ist sie erst einmal ungefähr im Kopf, das Thema klar und die Figuren vor Augen, dann brauche ich ungefähr 4 bis 6 Monate, je nachdem, wie ungestört ich schreiben kann. Danach folgt dann natürlich immer noch die Arbeit mit meiner Lektorin.

13.      Was ist dein innerer Motor beim Schreiben? Was treibt dich an, immer wieder eine neue      Geschichte aufs Papier/den Monitor zu bringen?

 
Schreiben ist für mich wie Atmen. Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Berufung noch rechtzeitig (mit 30) entdeckt habe und dass meine langjährigen Bemühungen bei Verlagen und die tausenden beschriebenen Seiten nicht umsonst waren – dass ich tatsächlich Schriftstellerin geworden bin. Ich bekomme Entzugserscheinungen, wenn ich längere Zeit nicht schreiben kann. Ich lebe und erlebe mit meinen Figuren. Aber eine starke Triebfeder sind natürlich auch meine Erlebnisse in den Indianerreservaten. Was da täglich passiert – ob es schockierend, witzig, tragisch, unglaublich oder einfach nur schön ist – es ist Teil dieser Welt. Die Indianer sind Teil dieser Welt, daran möchte ich meine Leser erinnern.

14.      Gibt es ein aktuelles Projekt? Auf was dürfen sich deine Fans demnächst  freuen?

Im vergangenen Jahr bekam ich ein Auslandsstipendium der Thüringer Kulturstiftung, um 2 Monate für ein neues Jugendbuch zu recherchieren. Die Geschichte ist wieder in Pine Ridge angesiedelt, dem Reservat der Lakota-Indianer.  Es geht um ein deutsches Mädchen, das anfängt zu trinken, und von ihren Eltern zu ihrer Tante nach Pine Ridge geschickt wird, weil in diesem Reservat Alkohol verboten ist. Dort lernt sie zwei junge Männer kennen, die in sehr enger Freundschaft verbunden sind, und die sich beide in sie verlieben. Ich verarbeite in dieser Geschichte auch wieder Dinge, die tatsächlich geschehen sind.
Aber da ich in meiner Schreibzeit eine Schreibblockade hatte, hänge ich nun etwas hinterher und meine Leser werden sich noch ein paar Monate gedulden müssen.

15.      Und noch mal zurück nach Nordamerika: Kannst du dir vorstellen, für immer  dort zu            bleiben?

Ich hänge sehr an meiner Familie, deshalb habe ich diesen Gedanken nie ernsthaft erwogen. Aber manchmal träume ich schon davon, mich in ein Blockhaus in der Wildnis zurückzuziehen - natürlich mit Internetanschluss J.
Ich bin ja jeden Sommer drüben, das ist schon viel mehr, als ich je zu hoffen gewagt hatte.


Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Spaß beim Schreiben!

Ein paar persönliche Fragen für einen Steckbrief:

1.  Was ich gerne mag: Meine Familie, meine Freunde, mein Zuhause, das Schreiben,
                                         
     die Sonne, Reiseabenteuer und vieles mehr.

2.  Was ich nicht mag: Unnötigen Ärger

3. Wovon ich träume: Dass der Haushalt sich von alleine macht.

4. Lieblingsbuch: Es gibt zu viele wunderbare Bücher, als dass ich mich auf eines
                                     festlegen möchte – aber mein letztes herrliches Leservergnügen war  
                                    „Liebesdienste“ von Kate Atkinson.

5. Lieblingsplatz: mein Sofa

6. Lieblingstier: Paule, unser Katerchen

7. Lieblingsfrage: Soll ich uns etwas kochen?

Mein Motto: Everything is okay  in the end. If it’s not okay, it’s not the end.


Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid und mehr über Antje wissen wollt, dann schaut euch ihre Homepage an: http://antje-babendererde.de/

Und vor allem lest ihre Bücher :-)

PS: Bitte entschuldigt die merkwürdige Formatierung. Ich kämpfe heute vergeblich mit dem Programm.

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