Dienstag, 22. Februar 2011

Abtauchen

Es ist still geworden um mich herum.
Sämtliche meiner (Autoren)Freunde befinden sich gerade in einer intensiven Schreibphase.
Ich bewundere immer diejenigen, die sich in dieser Zeit tatsächlich völlig von der Welt verabschieden, sich in ihr Kämmerlein zurückziehen und nur noch schreiben. Die Telefon und Internet abstellen und einfach nicht mehr erreichbar sind.
Selbst in den allerintensivsten Schreibphasen schaffe ich das nicht. Ich brauche das Leben um mich herum. Ich tauche tief in Geschichten ein, aber ich bin nie ganz weg. Die Welt um mich herum ist immer irgendwo da. Ich nehme sie dann  zwar oft nur wie durch einen Schleier war, oder, um beim Tauchen zu bleiben, wie das Treiben am Beckenrand, wenn man unter Wasser die Augen öffnet. Verschwommen, aber ich weiß, da ist noch etwas.
Ob das für mein Schreiben gut ist, dass ich es nie schaffe, mich so völlig auszuklinken, weiß ich nicht. Dass ich es nicht schaffe, liegt zum einen an meinen äußeren Umständen. Ein Schreiberling, der kinderlos und/oder als Single lebt, hat es sicher leichter, die Welt einfach auszuschließen, wenn er Ruhe möchte. Mir gelingt das nur stunden-, manchmal nur minutenweise.
Es gibt aber noch einen anderen Grund: Ich habe Angst, etwas zu verpassen. Das gestehe ich mir nicht gerne ein, ist aber so. Ich brauche dieses Gefühl, mitten in allen Welten zu stecken. Das hat Nachteile - aber nicht nur.
Nur so konnte es passieren, dass ich zwar gerade intensiv an einem Kinderbuch schreibe, mich aber eine völlig neue Idee, eine ganz andere Geschichte mittendrin getroffen hat wie der Blitz.
Diese Geschichte hat sich in meinem Hinterkopf eingenistet und fängt an zu wachsen. Noch räume ich ihr nicht allzu viel Platz ein, damit sie mein aktuelles Projekt nicht zu sehr stört, aber neugierig wie ich bin, gehe ich doch ab und zu nach hinten in diesen Winkel und schau nach, wie es meiner Geschichte so geht. Sobald ich dort auftauche, bombadiert sie mich mit Fragen. Fragen, die ich nicht so aus dem Stehgreif beantworten kann.
Ich habe meiner Geschichte versprochen, die Antworten zu suchen, wenn sie mir ein wenig Zeit dazu lässt.
Geduld, habe ich gesagt, hab bitte ein wenig Geduld.
Meine Geschichte hat nur höhnisch gelacht.
Geduld, hat sie gerufen, du sprichst schon wieder von Dingen, die du gar nicht kennst.
Und weil sie recht hat, meine Geschichte, und ich Geduld vermutlich niemals lernen werde, habe ich angefangen, diesen Fragen nachzugehen, habe mir Literatur gesucht und Menschen, die mir vielleicht die Antworten sagen können. Recherche nennen wir das. Klingt auch viel besser als Ungeduld. Heute werden die ersten Bücherpäckchen hier eintrudeln und ich bin schon ganz aufgeregt. Weil sie mich in eine völlig neue Welt entführen werden. Eine Welt, sehr weit vor dieser Zeit.





Der Postbote kommt vermutlich so gegen 12.00 Uhr.
Bleiben mir noch knapp vier Stunden Zeit zum abtauchen und schreiben. Aber aus den Augenwinkeln werde ich den Beckenrand beobachten, damit ich den Postboten nicht verpasse.

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