Sonntag, 2. Oktober 2016

Ankleben verboten

Manchmal geht der Zufall seltsame Wege. Und am Ende des Tages schüttelt man nur staunend den Kopf und fragt sich, ob das jetzt überhaupt Zufall war.
Eigentlich wollte ich am Manuskript arbeiten. Kreativ sein. Produktiv. Und so ganz nebenbei noch dringend einen Blogbeitrag schreiben. Aber wie so oft fielen mir plötzlich hundert Dinge ein, die auch noch erledigt werden wollten. Zum Beispiel aufräumen. Herumliegende Zeitschriften und Bücher einsortieren. Staub wischen. Wäsche waschen.
Als ich eins der Bücher in die Hand nahm, um es zurück ins Regal zu schieben, rutschte ein Faltblatt heraus. Ich legte es ohne Beachtung zur Seite und machte weiter. Erst am Abend, inzwischen leicht missmutig und mit meinem Beruf hadernd (ein neues Thema für den Blog fehlte mir auch noch), fiel mir der Zettel wieder auf. Ich wollte ihn schon wegwerfen, dachte, irgendeine Werbebroschüre in den Händen zu halten, als mein Blick an der Überschrift hängenblieb: Ankleben verboten!
Komischer Titel. Ich war weit davon entfernt, das Ding anzukleben. Aber meine Neugier war geweckt. 
Ich hab das Schriftstück auseinander gefaltet, gelesen, gestutzt, nochmal gelesen. Und dann habe ich genau das gemacht, was laut Titel verboten ist: Ich habe es in meinem Zimmer angeklebt. Ans Bücherregal, so dass ich es immer im Blick habe.
Denn auf diesem Faltblatt befindet sich Die Technik des Schriftstellers in 13 Thesen.
Aufgeschrieben hat diese Thesen Reinhard Kaiser - Mühlecker in Anlehnung an Walter Benjamin, der bereits 1928 dreizehn Thesen über die Technik des Schriftstellers veröffentlicht hat.
Und zwar unter dem Titel "Ankleben verboten!"



Ich habe ein bisschen recherchiert. Die Literaturzeitschrift Neue Rundschau hat diese Idee Walter Benjamins im Jahr 2007 aufgegriffen und bat seitdem für jede ihrer Ausgaben einen Schriftsteller, ebenfalls 13 Thesen zu formulieren. Und eben eins dieser Exemplare der Neuen Rundschau hatte ich heute nachmittag ins Regal geräumt und dabei die Thesen von Reinhard Kaiser - Mühlecker gefunden.
Wer sich für die Thesen von Walter Benjamin oder die der anderen bisher befragten Schriftsteller interessiert, findet diese auf den Seiten der Neuen Rundschau

Mich werden die Thesen an meinem Bücherschrank noch für eine Weile beschäftigen. Und gleichzeitig lieferte mir Reinhard Kaiser-Mühlecker nicht nur jede Menge Stoff zum Nachdenken, sondern gleich auch noch Stoff für mindestens dreizehn weitere Blogbeiträge. Denn diesen Thesen will ich in den nächsten Tagen schon noch ein bisschen auf den Grund gehen. Und wer weiß, vielleicht kann ich dabei ja meine ganz eigenen Thesen zur Technik des Schriftstellers entwickeln.


1 Kommentar:

Hausfrau Hanna hat gesagt…

Thesen, die auch ich überdenken werde,
liebe Jutta,
danke dafür! Auch für alle weiteren Blogbeiträge!


Ich selbst habe ein Zitat von Dag Hammarskjöld über meinem Lesplatz hängen, das Walter Benjamins Thesen ergänzt:
"Den andern es recht machen? Du bist es, mit dem du leben musst!"

Mit einem herzlichen Gruss zu dir
Hausfrau hanna