Samstag, 21. März 2015

Dialog im Dunkeln

Ich hatte euch einen Bericht über unsere besondere Geburtstagsfeier gestern versprochen. Jetzt stehe ich noch so unter den völlig neuen Eindrücken, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich anfangen soll.
Emil, unser K4, hatte nämlich einen ganz besonderen Geburtstagswunsch: er wollte mit ein paar Freunden in ein Museum in Frankfurt.
Und es sollte keineswegs irgendein Museum sein - die Auswahl in Frankfurt ist nicht eben klein - sondern er wusste sehr genau, was er sich wünschte: einen Besuch im Dialogmuseum.


Ich muss gestehen, bis zu diesem Wunsch hatte ich keine Ahnung, was das Dialogmuseum überhaupt ist. Dem Namen nach klang es für mich nach Handy, eMail oder Telefonkonferenzen, aber da lag ich vollkommen daneben.

Im Dialogmuseum in Frankfurt können Kinder und Erwachsene die Welt blinder Menschen kennenlernen und erforschen.

Wir buchten eine Geburstagstour für Emil und lernten schon bei der Buchung: Das Museum kann immer nur mit einer Führung besichtigt werden, hierbei werden Gruppen in Größen von max. 8 Teilnehmern zusammengestellt, die dann von einem Guide durch die Erlebnisräume in absoluter Dunkelheit geführt werden. Die Gruppengröße ist allein der Sicherheit der Besucher geschuldet, denn soviel kann ich schon verraten: Man sieht in diesen Räumen absolut nichts!

Ich bin dann gestern mit fünf Kindern zwischen 10 und 13  Jahren nach Frankfurt gefahren und Emil bekam mit seinen Gästen seine ganz eigene Geburtstagstour.
Schon der Anfang war spannend: Jacken, Rucksäcke, aber auch Handys, leuchtende Armbanduhren und andere "Leuchtobjekte" wurden in einem Schließfach verstaut. Dann warteten wir auf unseren "Guide", der uns am Eingang des Museums abholen sollte.
In der Zwischenzeit hatten die Kinder die Möglichkeit, schon mal das Alphabet der Blindenschrift zu studieren, das überdimensional an der Wand installiert war.
An kleinen Schultischen gab es die Möglichkeit, eigene Texte oder Botschaften in Blindenschrift zu stanzen, wir lernten, dass man dazu die Schrift spiegelverkehrt mit einer Nadel in das Papier stechen muss, um dann die Buchstaben nach dem Umdrehen des Blattes auch durch Tasten lesen zu können.


Endlich war es soweit: Ein Mitarbeiter des Museums holte uns an den Eingang und drückte jedem von uns einen Blindenstock oder Taststock in die Hand. Wir erhielten eine kurze Einweisung, wie man sich mit Hilfe dieses Geräts vorwärtstastet, die Kinder wurden noch einmal gebeten, den Stock wirklich auch nur über dem Fußboden und nicht etwa als Schwertkämpfer in der Luft zu benutzen und dann brachte uns der Mitarbeiter zum Eingang: ein ins Stockdunkle führender Gang, an dessen Ende uns unser Guide erwarten sollte.

Mit der linken Hand an einer Wand, mit der rechten noch etwas verkrampft am Stock tasteten wir uns Schritt für Schritt vor in die Dunkelheit. Anfangs noch recht forsch wurde unsere kleine Gruppe im Gänsemarsch immer langsamer, denn es wurde von Meter zu Meter dunkler und auf einmal war es nur noch das: schwarz. Absolut schwarz. Ich erwartete, dass meine Augen sich an diese absolute Dunkelheit gewöhnen würden, aber nichts dergleichen geschah: es war und blieb einfach pechschwarz.
Unser Guide nahm uns in der Schwärze in Empfang, begrüßte uns, stellte sich als Manuel vor, fragte unsere Namen ab und gratulierte Emil zum Geburtstag. Und dann ging es los. Im Gänsemarsch stolperten wir hinter ihm her, wir sollten seiner Stimme folgen und sicherheitshalber legten wir einander noch die Hand auf die Schulter, um nur ja niemanden zu verlieren. Manuel, seit seinem dritten Lebensjahr blind, führte unsere Hand an eine Holzgeländer, dem wir jetzt folgen sollten: Das Aufatmen in der Gruppe war deutlich zu hören.
Wir gingen Schritt für Schritt, die Hand fest am Geländer weiter ... als plötzlich unsere Füße erst über Kieselsteine stolperten und dann in weichem Waldboden versanken. Die Vögel zwitscherten laut, irgendwelche Insekten summten, Bäume rauschten, wir waren mitten in einem Wald. Das Geländer hörte auf und wurde zu einem rauen Fels, an dem wir uns vorsichtig entlang tasteten, bis auf einmal das kalte Wasser eines kleinen Wasserfalls über unsere Hände lief.

Manuel führte uns zu einer Parkbank und ließ uns sitzend mit den Geräuschen eines Waldes alleine.

Es würde hier zu weit führen, alle Erlebnisräume bis in alle Einzelheiten zu beschreiben, fest steht, dass dieses Museum bei allen Kindern und auch bei mir einen sehr tiefen, sehr besonderen Eindruck hinterlassen hat.
Wir haben eine (simulierte) Bootsfahrt über den Main gemacht, haben gelernt, wie man als Blinder eine Straße überquert, haben uns durch Häuserzeilen, vorbei an parkenden Autos und Telefonzellen getastet, haben blind einen Geldautomaten "erkannt" und in einem besonders dafür eingerichteten Raum auf dem Teppichboden sitzend "Klangwelten" kennengelernt, die sogar körperlich spürbar waren. Wir haben ein "Geräuschequiz" gespielt und waren am Meer.

Und zum Abschluss der Tour führte uns Manuel in eine Dunkelbar. Hier durfte jedes Kind noch ein Getränk bestellen und am Tisch sitzend durften wir "unseren Guide" dann mit Fragen zu seiner Geschichte und allem bombadieren, was uns sonst noch auf- oder eingefallen ist.

Nach diesem besonderen Museumsbesuch waren wir uns vor allem über eines einig: Unsere Welt ist in der Dunkelheit nicht ärmer, sondern reicher geworden. Wir haben in der kurzen Zeit und in einer eigentlich nur simulierten Umgebung Dinge gelernt, wahrgenommen, ertastet, gehört, gefühlt und erlebt, die wir, trotzdem wir doch sehend durch unsere Welt laufen, so noch nie wahrgenommen haben. Die Kinder fanden es besonders faszinierend, dass sie schon nach kurzer Zeit die Angst vor der Dunkelheit vollkommen verloren hatten, sich von Meter zu Meter sicherer fühlten und dass es "null langweilig" war.  Und das ganz ohne Monitore, ohne visuelle Überflutung, ganz ohne Sehen.

Noch heute bewege ich mich absolut staunend durch den Tag und überlege andauernd und immer wieder, wie sich diese oder jene Situation wohl für einen Blinden darstellen würde.
Ich muss an die Fledermäuse denken, die wir gestern gehört haben, an die Flugzeuge "über dem Main", bei denen wir raten durften, ob sie gerade starten oder landen und auch tatsächlich das erkennen konnten.
Ich denke an das gleichmäßige Rauschen der Wellen, als wir auf dem Teppichboden sitzend und liegend am Meer waren und dem Geschrei der Möwen lauschten. Ich denke an die vielen verschiedenen Oberflächen, die wir bei unserem Spaziergang durch die Innenstadt ertastet haben und an die Ampel, gegen die ich im Eifer des Gefechts gelaufen bin ☺

Diesen Tag wird sicher nicht nur Emil noch lange in Erinnerung bleiben. Und ganz bestimmt war es nicht unser letzter Besuch im Dialogmuseum!
Und um es mit einem Besucher des Dialogmuseums zu sagen:

Es war ein Zauber, eine neue Welt. Der Eindruck wird bleiben,
schön und unheimlich und man merkt, da ist mehr als man weiß.


1 Kommentar:

Hanne~BookLounge Lesegenuss hat gesagt…

Hallo Jutta, zum einen Glückwunsch nachträglich für deinen Sohn zum Geburtstag. Und das Geburtstagsgeschenk war ja wirklich sehr, sehr außergewöhnlich. Ich habe von diesem Museum noch nichts gehört, allerdings wohne ich auch ziemlich weit weg von Frankfurt.
Danke dir für diesen sehr aufschlußreichen Bericht, die Übermittlung eures Eindrucks und ein bisschen Zauber habe ich mitgenommen für mich durch deine Zeilen.
Liebe Grüße Hanne